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Konflikte im Beruf…nichts Neues, oder doch?
Wirtschaftsmediatorin Dr. Jutta Schmidt im Interview mit der Digitalwerkstatt

Mehr Kommunikation, weniger Konflikte?

Eigentlich sollte man denken, dass in der heutigen Zeit jeder entsprechende Grundsätze der Kommunikation inne hat. Wir wissen, was sich gehört und was nicht. Die Arbeitsumfelder werden immer flexibler, die Teams heterogener und interdisziplinärer und der Freiheitsgrad entsprechend höher. Man sollte meinen, Konflikte im Beruf gibt es nicht mehr. Oder doch? Weit gefehlt?

Dr. Jutta Schmidt kann davon ein Lied singen. Die Wirtschaftsmediatorin aus Strullendorf in der Nähe von Bamberg hat tagtäglich mit großen und kleinen Konflikten zu tun. Diese sind davon unabhängig, in welcher Altersstruktur, Größenstruktur und Branche wir uns bewegen. Es geht um den Menschen. Und überall, wo Menschen miteinander arbeiten, besteht nicht nur Raum für Ideen, sondern leider auch Raum für Konflikte. Neben Geld und Zeit kosten sie vor allem Energie, Nerven und schlußendlich gute Laune. Und jeder von uns weiß, dass Arbeit ohne Spaß dazu führt, unproduktiv und halbherzig seine Aufgaben zu erledigen.

Woran liegt es eigentlich, dass wir uns von Konflikten aus dem Gleichgewicht bringen lassen? Was ist denn ein „Konflikt“?
Jutta war so nett, im Interview mit der Digitalwerkstatt vor ihrer Impulssession am 19. Juli 2017 ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Jutta, was ist eigentlich ein Konflikt?

Schon allein das Definieren ist gar nicht so einfach. In erster Näherung möchte ich sagen: es gibt mindestens 2 Personen und mindestens eine(r) davon fühlt sich beeinträchtigt durch etwas, was der andere getan oder gesagt hat. Oder was er meint, was der andere getan oder gesagt hat. Hm, daran sieht man schon, dass es gar nicht so einfach ist mit der Definition!

Daneben gibt es natürlich auch noch innere Konflikte, d.h. Konflikte, die ich mit mir selbst habe. Etwas, was ich aufgrund meiner Vorstellungen oder Wünsche gerne möchte, steht im Widerspruch mit dem, was in der Realität passiert. Daraus resultiert ein Spannungszustand, welchen man als Konflikt bezeichnen kann.

Manchmal ärgere ich mich ganz furchtbar über eine andere Person. Für diejenige ist aber alles in Ordnung. Ist das dann ein Konflikt?

Ja, das ist es. Ich bin beeinträchtigt und bin wütend. Dass mein Gegenüber angeblich vollkommen entspannt ist, macht mich eher noch wütender. Das ist definitiv ein Spannungszustand wie oben beschrieben.

Gibt es Strategien, wie ich mit Konflikten umgehen kann?

Grundsätzlich werden 5 mögliche Strategien unterschieden, vom „Durchsetzen meines Standpunktes“ bis hin zum „Rückzug“. Welche ich davon wähle, ist zum einen abhängig von der Situation, aber auch, wie wichtig mir diese Situation ist. Ich würde auch nicht sagen, dass z.B. „Durchsetzen“ negativ ist, genauso wenig wie „Rückzug“. Jede Strategie hat seine Berechtigung. Das muss man im Einzelfall abwägen.

Unterscheiden sich private von beruflichen Konflikten?

Von der Definition und den Eigenschaften erstmal nicht. Auch die verschiedenen Strategien lassen sich beruflich und privat beobachten. Was unterschiedlich sein kann, sind die emotionalen Belastungen. Bei einem Streit mit einem Kollegen kann ich mich eventuell schneller abgrenzen und Kompromisslösungen suchen, bei meinem Partner gelingt das vielleicht nicht so schnell. Die berühmte nicht zugeschraubte Zahnpastatube im Bad sehe ich u.U. 365 Tage im Jahr, den unordentlichen Kollegen nicht ganz so häufig….

Wann ist es sinnvoll, einen Mediator oder überhaupt eine externe Person einzuschalten?

Immer dann, wenn ich selbst überhaupt nicht weiterkomme, meine Gedanken immer wieder über den Konfliktfall kreisen und scheinbar keine Lösung in Sicht ist, kann es sinnvoll sein, sich mit jemanden außerhalb des Konflikts auszutauschen. Ob eine Mediation das geeignete Verfahren ist oder man für sich selbst eine Konfliktberatung in Anspruch nimmt, hängt vom Einzelfall ab. Darüber hinaus ist eine Mediation sinnvoll, wenn ein Konflikt schon so weit eskaliert ist, dass die Fronten verhärtet erscheinen, es überhaupt schon Fronten gibt, so dass z.B. ein Team nicht mehr gemeinsam ein Projekt vorantreiben kann, sondern sich gegenseitig auszubooten sucht.

Ich empfinde Konflikte als unglaublich anstrengend. Ist es nicht besser, sich diesen zu entziehen (und damit Energie zu sparen) statt sich ihnen zu stellen?

Ja, das kann durchaus auch eine „richtige“ Strategie sein. Wenn ich z.B. ohnehin sehr angespannt bin und ich vor lauter To-Dos nicht mehr weiß, wo ich zuerst anfangen soll, muss ich mich im Moment nicht auch noch einer möglicherweise schwierigen Konfliktbearbeitung stellen. Manche Konflikte lösen sich auch erstmal von alleine auf. Generell empfehle ich aber nicht, um sämtliche Konflikte einen Bogen zu machen. Solche Umwege kosten nämlich auch Energie. Ungelöste Konflikte „im Untergrund“ sind zumal nicht gesundheitsfördernd.

Gerade im Beruf ist es aber auch schwierig, wenn ich mich z.B. immer wieder über meinen Teamleiter ärgere, er aber das Sagen hat. Ich kann ihm ja schlecht eine Mediation vorschlagen.

Ja, aber ich kann (z.B. in einer Konfliktberatung) überlegen, wie ich mit der Situation anders umgehen kann, welche Möglichkeiten es z.B. gibt, ihn anzusprechen oder die Lage zu diskutieren. Klar ist, dass ich mein Gegenüber nicht dazu zwingen kann, sich zu verändern. Aber den Spielraum, den ich selbst für mich habe, kann ich erstmal anschauen und vielleicht auch ausweiten. Meistens ist es uns nicht bewusst, was wir noch ändern können. Wir bleiben lieber in der „der Andere ist schuld, da kann man nichts machen“ – Haltung.

Du als Wirtschaftsmediatorin hast doch sicher schon viele Konfliktfälle gesehen oder gehört. Wenn ich dir nun meinen persönlichen Fall erzähle, hast du sicher schon eine Idee, was wir tun können. Warum schlägst du mir dann nicht direkt gleich eine Lösung vor? Du bist doch die Expertin – warum sollen wir uns erst lange mit den Konfliktursachen oder –auswirkungen beschäftigen? Dazu haben wir keine Zeit!

Das wäre wirklich prima, wenn ich für alle Konfliktfälle eine geeignete Lösung parat hätte. Habe ich aber nicht, dazu ist jeder Fall zu spezifisch. Außerdem gibt es noch einen großen Unterschied: nach einer Mediation gehe ich von dannen und lasse Sie allein. Da ist es wesentlich besser, du hast die Lösung oder zumindest die Ideen selbst gehabt. Die Wahrscheinlichkeit, dass du mit einer selbst gefundenen Lösung glücklich wirst, ist jedenfalls deutlich höher, als wenn ich dir etwas vorschlage.

Dennoch: wenn wir gemeinsam die Konfliktsituation beleuchtet und durchdrungen haben und bei der Lösungssuche sind, kann es schon sein, dass mir eine Idee einfällt, die vielleicht andere in einer ähnlichen Situation auch schon hatten. Dann sage ich das auch. Entscheiden musst aber letztendlich du als Experte für deinen Konflikt!

Du als Wirtschaftsmediatorin hast in deinem Umfeld sicher keine Konflikte, oder? Du kannst doch Konfliktlagen schon vorher erkennen und dementsprechend agieren.

Naja, das würde ich so nicht sagen. Als beauftragte Mediatorin komme ich von außen. Wenn ich selbst in einem Konflikt drinstecke, dann bin ich selbst (emotional) beteiligt und nicht „außenstehend“. Das heißt, ich kann mich genauso über ein Gegenüber ärgern, in einen Teufelskreis geraten oder die Schuld bei dem anderen suchen wie jeder von uns. Was mir vielleicht schneller gelingt ist, die Dynamiken zu erkennen und dann auszusteigen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch für mich anstrengend oder mühselig sein kann.

Vielen Dank, liebe Jutta Schmidt, für diesen ersten Einblick. Wir freuen uns schon sehr auf deinen Vortrag und sind gespannt, was du uns aus der Praxis mitbringen kannst, damit wir mit potenziellen Konflikten und deren Auslösern zukünftig besser umgehen können.

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